![]()
Eine Prise China. Schnupftabakflaschen -
Spiegel der chinesischen Seele
- deutsch und englisch in einem Band, mit vielen schönen Sammlerphotos -
(Böhlau Verlag, Wien, ISBN 3-205-89761-6)
Kritiken
... Müller eröffnet uns den Kosmos der als Währung des Herzens dienenden kleinen Fläschchen: In Jade und Perlmutt, in Kalligrafien und Miniaturen spiegeln sich Bürger und Mandarine. 47-mal chinesische Seele. (DIE ZEIT)
... wunderschön gestalteter Bildband... Der Verfasser unternimmt einen Streifzug durch die chinesische Kulturgeschichte... offeriert einen tiefen Einblick in die chinesische Denkweise und versteht es, den Leser für die chinesische Kultur zu begeistern. Zahlreiche kleine Anekdoten sowie schöne Photos runden das Werk ab... (Freies Asien)
Ausgezeichnete Abbildungen... - ...(Das Buch) ermöglicht dem Leser einen guten Einblick in die chinesische Welt. (Antiquitäten Zeitung)
... Ausflug in die chinesische Kulturgeschichte... - ... eine interessante Einführung (ekz-Informationsdienst)
... beautifully written and well translated (the English is as good as the German). - ... it is a book for everyone � that ist, everyone interested in cultures. It is clearly written with love and with humor and has the great quality of being both fascinating and informative. - ... The book is well produced..."
(... schön geschrieben und gut übersetzt, das Englische ist so gut wie das Deutsche. - ... es ist ein Buch für jeden � will sagen, jeden, der sich für Kulturen interessiert. Es ist präzise, mit Liebe und Humor geschrieben und hat den großen Vorzug, sowohl faszinierend als auch informativ zu sein. - ... gut gestaltet...) (Europublic)
Klappentext
Ein Mikrokosmos chinesischer Kunst mit der ganzen Palette von Materialien und delikaten Techniken sind diese Fläschchen - ein bezauberndes Sammelgebiet. Aber das Buch ist mehr als ein schönes Bilderbuch über ein faszinierendes Sammelthema. Denn der Verfasser plaudert nicht nur darüber, sondern führt auch in die chinesische Seele und Denkweise ein, in die Kultur des fernen Landes mit ihren Mythen, Legenden, kleinen Geschichten zur großen Geschichte, Symbolik von Tieren und Pflanzen, Alltagsthemen, Astrologie. Jeder Leser, der Interesse an geheimnisvollen Dingen aus Asien hat, kann Freude an diesem Buch haben. Und selbst der China-Kenner wird noch viel Neues darin lesen. Ausgezeichnete Sammlerphotos illustrieren den Text.
Leseprobe
Jade, Symbol chinesischer Zivilisation
Seit vorgeschichtlichen Zeiten bis heute ist "Yu" oder Jade ein Symbol chinesischer Zivilisation, der meistgeschätzte Schmuck- und Eldelstein. Schon vor der Bronzezeit gab es in China eine Jade-Kultur. Das Siegel der chinesischen Kaiser war nicht aus Silber oder Gold, sondern aus dem wertvollereren Jade gefertigt. Er galt stets als das edelste Material und stand für Adel, Vollkommenheit, Schönheit, Reinheit, Tugend, Kontinuität und Unsterblichkeit. Jade wurde als "Essenz der Kraft der Berge" angesehen, der es dem Menschen ermöglicht, mit den Göttern in Verbindung zu treten.
Das älteste chinesische Wörterbuch, verfaßt von Xu Shen im 2. Jh., definiert Jade als Jadeit, Nephrit, Jaspis, Serpentin oder Bergkristall und sagt: "Jade ist Schönheit in Stein. Durch Jade wird Aufrichtigkeit symbolisiert, da seine Durchsichtigkeit Farben und Einschlüsse im Inneren zeigt; Weisheit, da er beim Anstoßen rein und durchdringend klingt; Mut, da er bricht, aber sich nicht biegt; Mitleid, da er strahlt, aber einen warmen Glanz hat; Billigkeit, da er scharfe Kanten bildet, die aber nicht verletzen."
Bevor er im 18. Jahrhundert in Minen abgebaut wurde, fand man ihn an der Oberfläche in Bergen und Flußbetten. Die Legende sagt uns, daß Frauen mit nackten Füßen im Fluß danach suchten. Sie fühlten die besondere Oberfläche mit der Haut, besonders deshalb, weil das Yang der einen das Yin des anderen anzog. Jade galt als Essenz des Himmels und der Erde. Der (oder die) reinste und wertvollste ist Lychee-Fleisch-weiß. Am verbreitetsten sind olive-grüne Töne. Jegliche Farbgebung ist die Wirkung von mineralischen Einschlüssen.
Älteste Fundstücke sind Ritualäxte sowie Ringscheiben bi (pi) und cong (tsung). In der chinesischen Kosmologie ist der Himmel rund. Die Erde ist viereckig und gibt somit die fünf Himmelsrichtungen wieder: Ost, Süd, West, Nord und Mitte. Der bi war eine runde Scheibe mit einem runden Loch in der Mitte, also ein breiter Ring. Trotz der Schwierigkeiten der Jade-Bearbeitung war er stets sorgfältig geschnitten und poliert, um die Götter des Himmels zu ehren. Der cong, ein langes, hohles Ornament mit rechteckigen Seiten, praktisch eine Röhre, innen rund, außen viereckig, sollte die guten und bösen Geister der Erde besänftigen. Rituelle Gegenstände, Amulette zur Vertreibung böser Geister, Glücksbringer, Würdezeichen von Amtsträgern waren regelmäßig aus Jade.
Die Lebenden trugen Jade als Zeichen ihrer moralischen Unantastbarkeit. Die Toten wurden damit versehen, um ihren Leib zu erhalten und ihre Seele zu trösten. Totengewänder aus bis zu 2.500 Jade-Plättchen sollten lebenserhaltende Kräfte ausstrahlen und den Körper vor Verwesung schützen.
Seit der Song (oder Sung 960-1279) und Yuan Dynastie (1279-1368) verlagerte sich die Jade-Bearbeitung von der Herstellung ritueller Stücke zur Anfertigung von Gebrauchsgegenständen. Immer sind die Produkte wegen der magischen Schönheit des Materials höchst beliebt. Das gilt auch für die Schnupftabakflaschen der Manchu oder Qing Dynastie (1644-1911) und der Zeit der Republik, also von der Revolution durch Sun Yatsen (1911) bis heute.
Feingemahlenes Jade-Pulver wurde gegen böse Geister und Krankheiten eingenommen. Die Übernahme der letzteren Tradition spiegelt sich übrigens im westlichen Namen: Jade kommt von piedra de la ijada = spanisch: Stein der Weiche, also des Aufweichens z. B. von Nierensteinen. Die Daoisten (Taoisten) versuchten, durch regelmäßigen Verzehr von Jade-Pulver Unsterblichkeit zu erlangen.
Es ist ein alter chinesischer Glaube, daß Jade seine vollkommenste Schönheit nur erreicht, wenn er lange gestreichelt wird. Erst nach langen Jahren des Reibens mit der Hand erlange der Stein seine volle lebendige und transparente Wirkung. So wurden aus Jade (ebenso wie aus Bronze) gefertigte Gegenstände, die für den Kaiser bestimmt waren, lange und sorgfältig gerieben. Es wäre eine Majestätsbeleidigung gewesen, dem Sohn des Himmels ein solches Stück kurz nach dem Ausgraben und Bearbeiten zu überreichen. Und so verdanken die für wohlhabende Schnupfer angefertigten Jade-Fläschchen vielleicht einen Teil ihrer makellosen Schönheit und ihres geheimnisvollen Glanzes den vielen Stunden, in denen sie liebevoll in der Hand betrachtet, betastet, erfühlt, gestreichelt wurden.
Prüfen Sie beim Kauf eines Jadefläschchens in einem Geschäft, ob das Material kühl, glatt und hart ist. Zögern Sie nicht, ein Messer zu zücken. Es mag den Verkäufer beunruhigen, aber echter Jade läßt sich nicht mit einer Klinge anritzen.
Konfuzius
"Die Feder ist mächtiger als das Schwert." Kein Kaiser, kein Warlord, kein General hat China mehr beeinflußt als der "Meister Kong vom Aprikosenhügel", wie ihn Scholare liebevoll nannten. Kong-fu, der chinesische Staats- und Sittenlehrer lebte um 500 vor unserer Zeitrechnung. Er stammte aus verarmtem Landadel und predigte Familiensinn und Ahnenverehrung, Achtung vor dem Alter und Respekt vor der herrschenden Regierung, solange sie den "Auftrag des Himmels" erfüllt und dem Volk Glück bringt. Kernstück war die Kindesliebe, Pietät, chinesisch xiao. Sie band nicht nur die Familie als kleinste Einheit der Gesellschaft, sondern auch den ganze Staat zusammen. Denn der Kaiser war der Sohn des Himmels, dem er Gehorsam schuldete. Und er war auch der Vater des chinesischen Volkes, das ihm Ehrerbietung erwies.
Die Lehre des Konfuzius war eine Reaktion auf den lockeren Geist seiner Zeit, die durch den Verfall alter Sitten und die Kämpfe zwischen feudalen Provinzfürsten gekennzeichnet war. Ausgangspunkt war der Glaube, daß es in der fernen Vergangenheit ein Zeitalter vollkommener Tugend gegeben habe, herbeigeführt durch die Herrschaft weiser Kaiser. Sie waren das Muster der Lehre. So zog Meister Kong mit seinen Schülern von Fürstenhof zu Fürstenhof, verlacht und verjagt von den Machthabern, die zwar gern von der Gehorsamspflicht ihrer Untertanen, aber nichts von eigener Verpflichtung im Auftrag des Himmels hören wollten. Er starb arm und unglücklich. Seine Schriften wurden in der Bücherverbrennung unter dem "Großen Kaiser" Qin Shihuangdi 213 v. C. vernichtet, dann aber unter der folgenden Han-Dynastie (206 v. C - 220 n. C.) transkribiert, das heißt aus Erinnerung, aus eingemauerten und vergrabenen Teilen rekonstruiert, aufgeschrieben und zur Staatslehre erhoben. Erst unter den folgenden Dynastien wurde die Lehre des Meisters zu einem allgemein verbindlichen Wertesystem, einem Sittengesetz für jedermann entwickelt, das "übertriebenen" Individualismus verurteilt und die Bedeutung von Familie, Bildung, harter Arbeit, Anstand, Sparsamkeit betont. Konfuzius hat mit seiner Lehre als Eckpfeiler der Gesellschaft Kultur, Leben, Sittlichkeit Chinas und dadurch später auch anderer Länder wie Korea, Japan, Vietnam über die Jahrhunderte mehr und nachhaltiger beeinflußt, als das je einem Menschen in irgendeinem anderen Land der Erde gelang. Der Schöpfer und seine Lehre standen in höchster Achtung. Seine Schriften, besonders die "Analekten" oder "Lun Yu", die von seinen Schülern aufgezeichneten Gespräche, gehörten zu den Klassikern, die in den Staatsprüfungen für zukünftige Mandarine zweitausend Jahre lang das Hauptprüfungsfach bildeten. Sie spiegeln die Kardinaltugenden der konfuzianischen Gesellschaft: Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Sittlichkeit, Weisheit, Treue.
Der Palast der Familie Kong in Qufu erhielt durch besondere Verleihung das Recht auf ein gelbes Dach (die Farbe des Kaisers) und wurde von Kaisern aller Dynastien reich beschenkt. Die noch heute sichtbaren Granitsäulen sind so künstlerisch mit Drachen ziseliert, daß sie gelegentlich mit Tüchern verhängt wurden, wenn ein Kaiser zu Besuch kam. Der Sohn des Himmels, dessen Palast in der Verbotenen Stadt nicht so reich geschmückt war, sollte nicht neidisch werden. Leider wurden viele Schätze des Palastes in dem sinnlosen Wüten der Kulturrevolution von den Horden der Jungen Garden Maos zerstört.
Neuerdings haben aber sogar die kommunistischen Machthaber in China den Meister rehabilitiert. Um die neureichen Schieber, Schmuggler, Schlepper der "sozialistischen Marktwirtschaft" etwas zu disziplinieren, wird von der Regierung eine Besinnung auf alte Werte des Konfuzianismus empfohlen.
Die Achtung vor dem Alter war eine sinnvolle Haltung in einem Agrarland, dessen kompliziertes System von Bewirtschaftung und Bewässerung den Älteren, Wissenden, Erfahrenen eine wichtige Stellung gab. Sie wurden daher beachtet, befragt, geehrt. Diese Achtung geht soweit, daß Jüngere in guter konfuzianischer Tradition sogar noch heute beim Gespräch mit Älteren die Brille abnehmen, damit diese ihnen ungehindert in die Augen sehen können.
Als gutes Beispiel konfuzianisch geprägter Lebenseinstellung erscheint mir die Geschichte in Bette Bao Lords schönem Buch "Frühlingsmond": "Ein blinder Geschichtenerzähler schildert die vier Menschen, die vor der Geißel der Barbaren aus dem Norden fliehen. Schließlich sind der kleine Sohn und der Neffe zu müde zum Laufen. Der Vater kann nur einen von ihnen tragen und bittet die Mutter zu entscheiden, welcher von den beiden Jungen zurückgelassen werden soll. Die tugendhafte Mutter sagt: Laß es unseren Sohn sein. Wir können einen anderen hervorbringen. Aber Dein Bruder ist tot. Sein einziger Sohn muß leben, um den Totendienst für ihn zu verrichten und seinen Geist im Jenseits zu ernähren."
Die Darstellung des Konfuzius in Abb. 19, Gvib, 7 cm, zeugt von künstlerischer Freiheit und Phantasie, da eine Darstellung des Meisters aus seiner Lebzeit nicht überliefert ist.
Webermädchen und Kuhhirt
Eine Herz-Schmerz-Geschichte rankt sich um die Sterne Altair und Vega. Ein himmlisches Webermädchen, das schöne Brokat-Stoffe aus den bunten Wolken webt, und ein armer Kuhhirt verlieben sich ineinander. Sie lieben sich so sehr, daß sie ihre Arbeit vernachlässigen. Zur Strafe verbannen die Götter sie auf je einen der beiden Sterne, die durch den silbernen Himmelsfluß (unsere Milchstraße) getrennt sind. Einmal im Jahr, am siebten Tag des siebten Monats bilden Elstern eine Brücke, damit sich die Liebenden treffen können. An diesem Tage, dem chinesischen Valentinstag, regnet es häufig, damit die beiden vor unseren neugierigen Blicken geschützt sind. Ihre zwei Kinder leben beim Kuhhirten. Er trägt sie in Körben, die an einer Schulterstange aus Bambus befestigt sind. Es sind die beiden kleinen Sterne zu beiden Seiten des Altair.
12 Zeichen des Zodiakus und 5 Elemente
Das Alter eines Chinesen wird nach dem Tag der Zeugung berechnet. Er ist also schon neun Monate alt, wenn er das Licht der Welt erblickt. Nach chinesischem Glauben brennt sich aber erst bei der Geburt das jeweilige Tierkreiszeichen ins Herz des Menschen und bestimmt seinen Charakter. Die Chinesen beginnen ihr neues Jahr an dem Neumond, der unserem 5. Februar am nächsten ist. Von alters her wurde in Mondjahren gerechnet, das Sonnenjahr wurde erst von den Europäern übernommen.Chinesen benennen die Jahre im Zyklus nach den zwölf Tieren, die im alten China auch im Zweistunden-Rhythmus den Tag bestimmten: Ratte, Wasserbüffel, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Schaf, Affe, Hahn, Hund, Schwein. Manche Tierkreiszeichen und somit ihre Jahre und die in ihnen Geborenen gelten als besonders glückverheißend. Dieser Aberglaube führte in Punktlandung zu "baby-booms".
Die Jahre verlaufen in Sechziger-Zyklen, vergleichbar unseren Jahrhunderten. Sie entstehen durch eine Kombination aus den genannten zwölf Tierkreiszeichen und den fünf Elementen Metall, Wasser, Holz, Feuer, Erde. Die Elemente bilden die Kette des Lebens: das Metall (-Gefäß) nimmt Wasser auf, (Regen-) Wasser läßt Holz wachsen, Holz nährt die Flammen des Feuers, Feuer verwandelt in Asche, also Erde, die Erde enthält Metall (-Minen). Wie Yin und Yang ergänzen sie sich zur großen Harmonie der Welt. Gleich den Tierkreis-Jahren wirken nach chinesischer Sterndeutung auch die Elemente des Geburtsjahres auf den Charakter ein. Die Erdstrahlung soll unabhängig, unbeugsam, resolut, energisch, ehrgeizig, zielstrebig machen, soweit die Merkmale des Tierzeichens es zulassen. Erde-Menschen sind "erdnah", keine Spinner. Wasser-Geborene haben meist die Begabung, andere Menschen zu beeinflussen, beweglich und flexibel wie ihr Element Entwicklungen vorwärts zu treiben und dabei Mitstreiter zu motivieren. Dabei hilft ihnen ihre Fähigkeit zu genauer Analyse und ihr Durchhaltevermögen. Wenn Sie in einem Jahr des Holzes geboren sind, wird Ihnen ein chinesischer Astrologe Selbstvertrauen, Einfühlungsvermögen, Überzeugungskraft, hohe Moral und die Fähigkeit zum Denken in großen Horizonten bescheinigen. Wer in einem Jahr des Feuers zur Welt kommt, soll hohe Dynamik, Ehrgeiz, Entschlußfreudigkeit, Kreativität haben. Der geborene Führer. 1996 begann ein Feuer-Zyklus.
Diese sechziger Zeitrechnung, die zweitälteste der Menschheit (nach der "Langen Zählung" der Mayas), setzt in unserem Jahr 2637 vor Chr. ein. Die Monate hießen nur erster, zweiter usw. bis zwölfter. Gleiches galt für die Wochentage. Hier war keine Hervorhebung nötig, da es keinen Sabbat oder Sonntag, also Ruhe- und Bettag gab. Die Doppelstunden des Tages wurden nach den zwölf Jahrestieren benannt.
Zu unterstreichen ist übrigens die exakte Zeitmessung und der genaue Kalender der Chinesen, besonders seit dem dreizehnten Jahrhundert. Schon dreihundert Jahre vor der Einführung unseres Gregorianischen Kalenders wich die Laufzeit der Erde um die Sonne innerhalb eines Jahres nur neun Sekunden von der Wirklichkeit ab. Das Jahresende ist jeweils Anlaß, Schulden zu begleichen, das Haus sauber zu machen, rote Segensspruchbänder an den Türen aufzuhängen. Am ersten Tag des neuen Jahres opfert man in den Tempeln, besucht Freunde und Verwandte, um die berühmten roten, daher Glück bringenden Umschläge mit Geldgeschenken zu überreichen, verbrennt "Göttergeld", also bedruckte Papierscheine, zündet Räucherstäbchen an und läßt Feuerwerkskörper knallen, um die bösen Geister zu vertreiben.
Ratte
Um die Benennung der Tierkreiszeichen rankt sich eine hübsche Legende: Als Buddha ins Nichts einging, wurden alle Tiere aufgerufen, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Die zwölf ersten sollten in der Reihenfolge ihres Eintreffens die Jahre und Doppel-Stunden des Tages bezeichnen. Kurz vor der Ankunft war ein breiter Fluß zu durchqueren. Der Wasserbüffel schwamm schnell und ausdauernd. In der Mitte bat ihn die zurückbleibende Ratte, sich auf seiner Stirn ausruhen zu dürfen. Am Ufer sprang sie rasch an Land und lief als erste zu Buddha. Eine Variante sagt, die Ratte habe sich von Anfang der Reise an unbemerkt auf dem Rücken des Rindes festgehalten und sei erst im Augenblick des Abzählens herabgesprungen. So wurde sie das erste Jahres- und Stundentier. Ein neuer Jahreszyklus begann mit dem Jahr der Ratte 1996. Die erste Doppelstunde des Tages, also die der Ratte ist von 23 bis 1 Uhr unserer Zählung.
Nach chinesischer Astrologie sind Menschen, die in einem Jahr der Ratte geboren sind, charmant und wirken daher anziehend auf das andere Geschlecht. Sie sind ehrgeizig, fleißig und meist erfolgreich.
Auch Mozart und Shakespeare waren Ratte-Geborene.
Kranich
Besonders symbolträchtig sind Kraniche. Sie bedeuten eheliches Glück, da sie lebenslang einem Partner treu bleiben. Sie stehen auch für Weisheit und ein langes Leben, da diese storchenähnlichen Zugvögel mit rötlicher Kopfhaube seit sechzig Millionen Jahren die Erde bevölkern, von Natur alt werden (bis ca. 70 Jahre) und da sie durch ihre jährliche Wanderschaft eine Illusion ewiger Wiederkehr wecken. Jungtiere antworten meist sehr rasch auf den Ruf eines Elternteils. Daher bedeutet ihre Darstellung gleichfalls Liebe zu den Eltern, die so wichtige konfuzianische Tugend. Ein flügelschlagender weißer Kranich auf dem Brustschild des scharlachroten Gewands bekundete den hohen Rang eines Mandarins neunten Grades, entsprechend etwa dem heutigen Staatssekretär.
Abb. 30 zeigt ein Kranichpaar, Glas von innen bemalt, 6 cm Höhe, mit Signatur: "gemalt im Jahr der Ratte" mit den üblichen roten (= Glück) Stempeln des Künstlers und vermutlich des zukünftigen Eigentümers.
Fisch/Karpfen
Fisch heißt auf Chinesisch yu, gleichklingend mit yu für Überfluß, Reichtum. Daher drückt z. B. das Bild eines Kindes mit einem Fisch den Wunsch aus: Mögest Du zahlreiche Kinder - bevorzugt natürlich Jungen - haben. Die Darstellung von zwei Fischen ist ein beliebtes Hochzeitsgeschenk. Sie bedeuten eheliche Harmonie. Beliebt ist auch die Kombination von Lotus (gleichklingend mit aufeinanderfolgend"), Fisch ("Überfluß") und einem Jungen. Sie bedeutet Überfluß und Söhne für viele aufeinanderfolgende Jahre.
Einst schwamm ein Karpfen flußauf zu den westlichen Hügeln des Dian-Sees bei Kunming. Die Strömung war stark und er mußte sich wegen seines Körpervolumens sehr anstrengen, sie zu überwinden. Auch lauerten viele Gefahren im Wasser, über die er springen mußte. Am höchsten Punkt, den "Hügeln der schlafenden Schönheit" angekommen, versperrte ein mächtiger Fels seinen Weg. Unter Aufbietung seiner letzten Kräfte sprang der Fisch mit einem gewaltigen Satz über den Fels hinüber in den See. Noch in der Luft verwandelte er sich dabei in einen Drachen. Seither heißt dieser Fels "Drachentor". Ein anderes Drachentor aufgrund einer ähnlichen Legende gibt es an den Stromschnellen im Oberlauf des Gelben Flusses.
Der Karpfen ist für Chinesen das Symbol von Stärke, von großer Kraftanstrengung und Beharrlichkeit zur Erreichung eines Ziels. Karpfen jeglichen Materials und jeglicher Fertigung waren daher stets das typische Geschenk zum Bestehen eines Examens, besonders der Mandarin-Prüfungen. Wurde doch nach der Lernanstrengung aus dem Kandidat ein Mitglied der kaiserlichen Verwaltung, das einen Drachen auf dem Gewand trug.
Ein besonders schönes Beispiel eines aus den Wellen springenden Karpfens zeigt die Abb. 28. Er ist aus schwarzer Horn-Koralle im Halbrelief geschnitzt. Die Augen sind rot eingesetzt. (6,5 cm.)
Grabbeigaben
Wie in vielen anderen Kulturen wollte man auch in China stets den Verstorbenen das Leben im Jenseits leicht und angenehm machen. Bis ins erste Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung wurden Gemahlinnen und Diener getötet und mit dem Toten bestattet, um ihm in der anderen Welt zu dienen. Als diese Sitte außer Mode kam, stattete man die Gräber mit Figuren aus Holz, in reicheren Familien aus Metall aus. Umweltbewußten Kaisern kam dann in den ersten Jahrhunderten n. C. der Gedanke, daß diese Verschwendung von unersetzlichen Ressourcen unverantwortlich war, und es wurden nur noch Grabbeigaben aus Terrakotta erlaubt. Da Gesicht-Wahren in China wichtig ist, wurden diese asiatischen Uschebtis reichen Toten aus Repräsentationsgründen in unermeßlichen Mengen mitgegeben. Das ging so weit, daß - wiederum durch kaiserliche Dekrete - festgelegt wurde, wieviele menschliche Figuren, Häuser, Tang-Pferde und -Kamele je nach Stand oder Mandarinrang höchstens ins Grab durften. Über die Jahrhunderte ist man im Zeitalter knappen Grabraumes von sperrigen Zugaben abgekommen. Auch glaubt man, daß Rauch Gebete für liebe Tote, Wünsche und ihre Erfüllung zum Himmel trägt. Also druckt man heutzutage Abbildungen von Geld, "Göttergeld", Häusern, Autos usw. auf kleine Papierscheine und verbrennt sie bei der Beerdigung und beim Gebet im Tempel. Das kommt dem pragmatischen Sinn der Chinesen entgegen, die Mahlopfer für ihre Götter und ihre Toten nicht verderben lassen, sondern sie anbieten und bei Verweigerung durch die Jenseitigen selbst verzehren. Auch bei Grabbeigaben würde ein kluger Chinese lieber einen Scheck über eine Million Yuan als einen echten Hunderter in den Sarg legen.
Immerhin mag ein Scheck gestohlen werden. Da sind die bedruckten Papierstückchen sicherer. Aber trotz allem Pragmatismus hat man einige Schnupftabakflaschen in Gräbern gefunden. Vom liebenden Sohn an den schnupfenden Vater im Jenseits.
Erfindungen
Der erste große Exportschlager des geheimnisvollen Reiches Cathay hinter Hindukusch, Karakorum und Himalaya war die Seide, das sagenumwobene Gold des Ostens, die über ein 6.000 km langes Netz von Karawanenrouten, die "Seidenstraße", aus China über Zentralasien ins römische Reich kam. Schon im zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung züchtete man im Reich der Mitte Seidenraupen, deren Kokon aus je 3.000 m feinstem Seidenfaden besteht. Eine Legende erzählt uns, daß ein Kokon von einem Maulbeerbaum in die Teetasse einer Kaiserin fiel. Beim Herausnehmen bekam sie den Faden zu fassen, wickelte ihn zuällig auf und ließ sich von dem feinen Gespinst ein Tuch weben. Seide war seitdem ein chinesisches Monopol, und Ausfuhr von Seidenraupen bei Todesstrafe verboten, bis eine Prinzessin im fünften Jahrhundert einige in ihrer Hochfrisur als Mitgift aus dem Lande schmuggelte. Sie war in einer Kinderheirat aus dynastischen Gründen einem Herrscher des Nachbarlandes Kothan angetraut worden, und bestochene Hofschranzen redeten ihr ein, daß sie doch in ihrem neuen Leben nicht auf den Komfort von Seidenkleidern verzichten könne.
Der zweite Exportschlager war das Porzellan, zweitausend Jahre später. Über diese spektakulären Produkte sollten wir aber nicht vergessen, daß in China eine erstaunliche Zahl von weiteren für ihre Zeit genialen Erfindungen gemacht wurden.
Über Entdeckungen wie Lack, das erste Plastik, wurde schon gesprochen. Das Dezimalsystem war seit dem 14. Jh., die Null seit dem 4. Jh. vor unserer Zeitrechnung eingeführt. Riemenantrieb, Tiefbohren nach Erdgas, das seit dem vierten vorchristlichen Jahrhundert neben Erdöl als Brennstoff verwandt wurde, waren seit dem ersten Jahrhundert v. C. bekannt. Auch die Erfindungen von Kompaß, Papier, Drachen, bemanntem Drachenflug, Fallschirm, Relieflandkarten, Armbrust (deren Pfeile auf 200 m eine Rüstung durchschlugen) stammen in China aus den ersten Jahrhunderten v. C. Fußballfreunde werden mit Interesse hören, daß man schon im 4. Jh. v. C. gegen mit Schafswolle gefüllte Lederbälle trat. Mannschaften, die mit einem luftgefüllten Ball nach festen Regeln auf Tore schossen, sind seit der Tang-Zeit (618-907) nachgewiesen. Für zahlreiche spätere Geistesblitze seien Akupunktur, Hydrotherapie, Pockenimpfung (vor unserer Zeitenwende), Seismograph (l. Jh. n. C.), Schubkarre ("Gleitpferd"), Streichhölzer (577), Urinanalyse auf Diabetes (7. Jh.), mechanische Uhr (725), "Fliegendes Geld", also Papiergeld (um 800), Regenmesser zur Voraussage von Überschwemmungen (12. Jh.) genannt. Druck mit geschnittenen Holztafeln für Namens- und Amtssiegel ist seit der Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends nachgewiesen, für kurze Gebete auf Papier seit dem sechsten Jh. Das erste bekannten Buch, die Diamant-Sûtra stammt aus dem Jahr 686. Beweglichen Lettern aus Ton wurden 1045 verwandt.
Es ist eine chinesische Tragödie, daß die Wissenschaft bei diesen empirischen Beobachtungen stehenblieb und sie selten zu praktischen Anwendungen fortentwickelte. Das hat zwei Ursachen: Zum einen waren Chinesen, diese genialen Erfinder, während langer Perioden ihrer Geschichte offenbar nicht sonderlich begabt für praktische Nutzanwendungen. Als Beispiel diene der Kompaß: Bekannt seit dem vierten Jh. v. C., wurde er jahrhundertelang nur benutzt, um die günstigste Lage von Toten zu bestimmen. Zum anderen war der Konfuzianismus der kaiserlichen Bürokratie fortschrittsfeindlich. Man fand Gesellschaftsveränderung durch wissenschaftlichen Fortschritt unerwünscht. Die traditionellen Fundamente des chinesischen Lebens sollten erhalten bleiben, moralische Ideale nicht durch Fortschritt zerstört werden. Interessante Parallelen zum Abendland des Mittelalters mit Galileo Galilei, Inquisition usw. drängen sich dabei auf.
Gesundheit
Chinesische Ärzte behandelten früher ihre Patienten nach dem klugen Prinzip: Vorbeugen ist besser als Heilen. Daher nahmen Heilkräuter, besonders der Ginseng, die Wunderpflanze für ewige Jugend bei strahlender Gesundheit, eine überaus wichtige Stelle in der Behandlung ein. Ärzte hatten kein Interesse an kranken Patienten. Sie wurden meist nach den gesunden Tagen ihrer Kunden im Jahr bezahlt. Glanzpunkte der chinesischen Medizin sind: Diagnose aufgrund des Gesamtbildes des Patienten, seiner Erscheinung, seines Auftretens, seiner Stimme, seines Geruchs, seiner 28 verschiedenen Pulse, seiner Zungenanalyse, ganzheitliche Behandlung statt Einzelorgan-Therapie, Einbindung in die Gegenpole Yin und Yang.
Besonders bekannt ist die Akupunktur, also die Einwirkung auf bestimmte Organe durch Nadeleinstiche in Meridianpunkten der Haut. Die Meridiane, Energieleitbahnen, stellen nach zweitausend Jahre altem chinesischen Denken Verbindunglinien dar zwischen Haut und inneren Organen. In ihnen fließt das Qi (Ki), die Lebensenergie. Wenn sie frei fließt, ist der Mensch gesund. Eine zusätzliche Stimulierung wird durch Moxibustion erreicht, bei der getrocknete und gepreßte Heilkräuter auf den Akupunkturpunkten angezündet werden. Die Hitze intensiviert die Wirkung der Nadeln. Nebenwirkungen wie bei Medikamenten treten dabei im allgemeinen nicht auf.
Immer versuchten Ärzte, bei ihren Kranken die Sprache des Körpers zu verstehen. Das war ein Problem bei Frauen. Kein Arzt durfte mit einer weiblichen Patientin allein sein, sie gar unbekleidet sehen oder berühren. Er hatte daher als Grundausrüstung eine kleine Skulptur einer nackten Frau. Sie übergab er dem Ehemann. Der begab sich ins Zimmer seiner kranken Frau, ließ sich an der Skulptur zeigen, an welcher Stelle des Körpers sie Schmerzen hatte, und zeigte dann dem Arzt draußen die Stelle auf der Figur. Das umständliche Verfahren diente der Schicklichkeit, erleichterte aber nicht die Diagnose.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort: Der europäische Chinese
Einleitung: Am Anfang standen lauter Irrtümer
Material
- Jade, Symbol chinesischer Zivilisation
- Quarze, Halbedelsteine und andere Steine
- Keramik, "künstlicher Stein"
- Porzellan, das "China" Chinas
- Glas, das verlorene Geheimnis
- Elfenbein, immer handwarm
- Knochen und Horn von Ochsen und Kindern des Himmels
- Perlmutt, Mutter der Perle
- Muscheln, Klang des Meeres
- Lack, Saft, der nur im Feuchten trocknet
- Metall und eine mediterrane Schönheit
Siegel, nur für klassische Künste
Stöpsel, geschätzt "en suite"
Große Themen, alles unter dem Himmel
Kosmos
- Pangu
- Dame im Mond
Denken
- Ahnenkult
- Yin und Yang
- Konfuzius
- Laotse und der Daoismus (Taoismus)
- Buddha und seine Lehre
- Begegnungen mit dem Abendland
- Begrenzter Siegeszug des Islam
Regierung
- Dynastien
- Republik
- Mandarine
- Jiang Taigong
Tiere
- 12 Zeichen des Zodiakus und 4 Elemente
--- Ratte
--- Büffel
--- Tiger
--- Hase
--- Drache
--- Schlange
--- Pferd
--- Schaf/Ziege
--- Affe
--- Hahn
--- Hund
--- Schwein
- Phönix
- Schildkröte
- Elefant
- Adler
- Fisch/Karpfen
- Löwe
- Katze
- Kranich
- Grille
- Zikade
- Elster
- Ente
- Reh/Hirsch/Gazelle
- Schmetterling
- Panda
Pflanzen
- Baum
- Blume
- Lotus
- Bambus
- Päonie
Mythen und Legenden
- Meng Jiang/Frau Wan
- Spiegel der Wahrheit
- Webermädchen und Kuhhirt
- Inseln der Glückseligen
Alltag
- Schrift
- Grundberufe
- Gelehrte
- Erfindungen
- goldene Lilien
- Zen und Kung-Fu
- Kinder
- Erziehung
- Tee
- Türgötter
- Gesundheit
- Tod
- Grabbeigaben
- Vögel
Nachwort: Ein mongolisches Abenteuer
Sammler-Clubs
Umschlagphoto
Die Abbildung auf der Titelseite zeigt Li Bai, einen berühmten Dichter der Tang Dynastie (618-907), in einer von innen bemalten Glasflasche, 7 cm Höhe.
Soweit nicht anders erwähnt, gehören die beschriebenen Stücke zur Sammlung des Verfassers.
Foto: Li Ping, Beijing Verfasser-Portrait
Der Verfasser, Dr. Klaus G. Müller, war in einer "früheren Inkarnation" Bankjurist im internationalen Kreditgeschäft in Düsseldorf, Paris, New York, Brüssel, Luxemburg und Rom. Bei Geschäfts- und Urlaubstrips verfiel er der "Droge Reisen". Seit mehreren Jahren durchstreift er nun die fünf Kontinente. Aus seinen Erlebnissen als Globetrotter entstand das erfolgreiche Buch "Den Urlaub überleben - tausend wirklich brauchbare Reisetips", tatsächlich über tausend Ratschläge, wie man überall in der Welt besser, preiswerter und gefahrloser reist. "Alles rund ums Reisen..." (Hessischer Rundfunk). (Beck Verlag. � Die erste Auflage war in 7 Monaten verkauft. Nachdruck ist jetzt im Buchhandel verfügbar).
In Deutschland ist er begeisterter, wenn auch gelegentlich leidgeprüfter direkter Flußanrainer im Rheinland. Er veröffentlichte seine Erfahrungen in dem Ratgeber "Hilfe - Hochwasser! Was tun?" (Droste Verlag).
Zuletzt erschien sein Buch "Eine Prise China. Schnupftabakflaschen - Spiegel der chinesischen Seele". Diese kulturgeschichtliche Plauderei über das Reich der Mitte und über ein bezauberndes Sammelgebiet ist ein Schmuckstück mit zahlreichen schönen Fotos in zwei Sprachen. (Deutsch und englisch in einem Band. - Böhlau Verlag Wien).
top